Hans Staudacher und Max Weiler

...zwischen den Welten und an zwei Orten...

 

 

Zum Werk – Verbindendes und Trennendes

 

Inspiriert von der chinesischen Sung-Malerei (10. bis 13. Jahrhundert) sind Max Weilers Werke im ständigen Fluss zwischen den Prozessen der nicht greifbaren, veränderlichen Natur (die er entgrenzt) und seiner bewussten, präzise erprobten Formfindung. Natur und Malerei entwickeln sich parallel zueinander, ohne dass Symbolhaftes und Verklärung in den Vordergrund treten. Ebenso wenig genügt seine Malerei sich selbst – landschaftliche Elemente werden als großer kosmischer Organismus erfasst, durch die Farbe verkörpert und im Raum wieder entkörpert. Die Ausschnitthaftigkeit seiner Bilder führt mit ihrem kompletten Umsturz der perspektivischen Bildordnung dazu, dass der Betrachter inmitten des Bildes steht und durch die Offenheit der Formen seine eigenen Wege darin finden kann. Freiräume werden geschaffen und die positiven Kräfte der Natur werden in einem Zug hin zur Vertikale nach oben geleitet. In Weilers Papierarbeiten – es sind eigenständige Werke und keine Vorarbeiten – wird Transparenz und malerische Verflechtung mit dem Malgrund deutlich.

In Hans Staudachers Werk sind Spontaneität und Gestik die eigentlichen Kräfte. Er nimmt seine Umgebung auf, verbalisiert und schildert, fasst seine Bilder in Sätze und notiert sie in Ausrufungszeichen. Alles ist Aktion – im rhythmischen, nervösen Trommeln von Farbspritzern und in mit aggressiver Gestik hingeworfenen Linien und Pinselspuren entsteht, in einem Akt der Befreiung, eine neue Wirklichkeit. Dabei bleibt nichts Unausgesprochenes zurück, sondern es kommt zu einer direkten politischen, gesellschaftlichen, erfahrungsgebundenen und autobiografischen Aufforderung. Ureigene Emotionen werden umgesetzt und im Grenzbereich des Gesicherten trägt er Neues hinein, was ihn damit zu einem großen, die Menschen, Rassen, Religionen und Kontinente umarmenden Avantgardisten macht.

Sowohl Weiler als auch Staudacher lehnen das Abbild von Realität und einen repräsentativen Charakter ihrer Werke ebenso ab wie die eindeutige Zugehörigkeit zu einer Kunstströmung. Anders als art‘ pour l’art gehen sie in ihren Werken immer von äußeren Erlebnissen aus. Beide zeichnet aus, dass sie ihn ihrer Offenheit von Form und sprachlichen Kürzeln keine Beherrschung, weder der Natur, noch der Gesellschaft, anstreben. Der Betrachter wird dort wie da gefordert, seinen geistigen Freiraum auszuloten. Dort, wo Weiler an die positiven Kräfte der Natur glaubt und durch sie eine Erhöhung erfährt, glaubt Staudacher zuletzt an eine bessere Welt – sein Optimismus führt uns das Gegenteil einer Bösartigkeit der Welt vor Augen, wenn auch mit bissig-ironischen Kommentaren. In beiden Künstlern lebt der unbändige Drang nach Freiheit – dieser äußert sich in einer formalen, sprachgewaltigen Präsenz, die in beiden Fällen genug Platz für Freiräume und Leere zulässt. Auch der poetische Aspekt ist bei beiden Künstlern zu finden – sind es bei Weiler vor allem die Bildtitel so ist es bei Staudacher die lebendige, rhythmisch-dadaistische Poesie von Sprachkürzeln. Was Max Weiler und Hans Staudacher trennen mag, ist einerseits die gebändigte Wildheit bei Weiler und andererseits ein aktiver und eruptiver Ausbruch von Emotionen bei Staudacher. Ist es bei Weiler das Fließende, so ist es bei Staudacher das Sprengende. Weiler wandert mit uns in seine Bilder hinein, während Staudacher sich selbst in ihnen festschreibt.

 

Zu den beiden Ausstellungen

 

An beiden Orten sind sowohl Arbeiten auf Papier als auch Malerei auf Leinwand der beiden Künstler zu sehen. Im Schloss Ebenau beginnt man im Parterre mit jeweils zwei frühen Leinwandarbeiten aus 1960 (Weiler) und 1970 (Staudacher) sowie Papierarbeiten und Zeichnungen, die sich dann im Stüberl fortsetzen. Ist in der Eingangshalle die Farbigkeit noch gedämpft, in Braun-, Grün- und Blautönen, so nimmt die Farbkraft und Leichtigkeit der Bilder zu, je höher man hinaufsteigt. Im ersten Stock ergeben sich zahlreiche Sichtachsen, die von Arbeiten in reduzierter Bildsprache zu dichter gemalten Werken überleiten. Anhand der Datierung der Werke kann man eine parallele Entwicklung der beiden Künstler mitverfolgen – so gelangt man von einem in erdigen Farben gehaltenen Frühwerk aus 1964 (rötliches Gewölk) von Max Weiler zu seinem Bild Blauer Baum (1988) in kräftigen leuchtenden Blau- und Violetttönen. Ebenso ist von Staudacher sowohl verdichtete als auch reduzierte Malerei zu finden, wie etwa in einem Spätwerk aus 2004. Diese Zurückgenommenheit einerseits und Dichte andererseits führen zu einem spannenden, vielleicht auch dort und da irritierenden Bilderlebnis, das allerdings nie aus dem Gleichgewicht gerät. Im zweiten Stock finden sich u. a. Arbeiten von Kiki Kogelnik (Glittergrafiken) und Silvano Rubino (Triptychon). Im Alten Pfarrhof sind ebenfalls zahlreiche Werke auf Leinwand als auch Papierarbeiten zu sehen. Im Untergeschoß werden luftig-dynamische Malereien Staudachers mit viel Weißgrund gezeigt, mit einem reizvollen Durchblick auf eine Arbeit mit stark informellem Charakter. Im ersten Stock kann man, neben Lithografien und Zeichnungen, sowohl ein seltenes, figuratives Frühwerk von Weiler (1952) als auch das Originalbild und die dazugehörende Grafik der Arbeit Adventblume (1991) finden. Die Dreiblüten Komposition (1988) ist ein farbkräftiges Beispiel aus Weilers Spätwerk, während eine Tuschezeichnung (1990) seinen Naturkosmos vor Augen führt. Im hintersten Raum des ersten Stockes ist eine Auswahl an Arbeiten von Kiki Kogelnik zu sehen – neben Lithografien auch der Glaskopf Spirit Head. Im zweiten Stock sind Arbeiten von Bruno Gironcoli, Cornelius Kolig, Hermann Nitsch, Gudrun Kampl und anderen Künstlern ausgestellt.

 

Biografisches

 

Max Weiler (geb. 1910 in Absam, Tirol, gest. 2001 in Wien) studiert nach der Matura an der Lehrerbildungsanstalt in Innsbruck ab 1930 an der Akademie für Bildende Künste in Wien bei Prof. Karl Sterrer. Bereits 1936 arbeitet der junge Künstler im Auftrag von Rektor Clemens Holzmeister am Projekt der Österreich-Kapelle der Weltausstellung in Paris mit und schafft dafür das Glasfenster: Bund im Blut des Sohnes. Von 1964 bis 1980 ist er Professor an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, 1960 österreichischer Vertreter auf der Biennale in Venedig, ab 1967 wirkt er im österreichischen Kunstsenat. Er schafft Tafelbilder, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafiken sowie ab 1946 bedeutende Serien von (zunächst umstrittenen) Fresken, unter anderem in Innsbruck (Theresienkirche auf der Hungerburg, Hauptbahnhof, Stadtsaal) und in Linz (Friedenskirche in Urfahr) sowie Mosaike, Glasbilder und Keramikwandbilder im öffentlichen Raum. Max Weiler erhält den Großen Österreichischen Staatspreis 1960 und das Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst 1979.

 

Hans Staudacher (geb. 1923 in St. Urban am Ossiacher See) beginnt sehr früh als Autodidakt mit Zeichnungen, Landschaftsaquarellen und Porträts. Im Jahr 1950 übersiedelt er nach Wien und beschäftigt sich mit den Arbeiten von Alfred Kubin, Egon Schiele und Gustav Klimt. Staudacher tritt der Wiener Secession bei und nimmt an deren Ausstellungen teil. Frühe grau-schwarze kleinformatige Arbeiten werden in Wien bald von größeren farbigen Gemälden abgelöst, in denen die individuelle Zeichensprache des Informel erkennbar ist. 1951 entstehen erste tachistische Kunstharzbilder. Während seiner zahlreichen Parisaufenthalte 1954–62 setzt sich Staudacher intensiv mit dem Werk von George Mathieu und dem "Lettrismus", der Verbindung von Bild und Schrift, auseinander. 1956 vertritt Staudacher Österreich mit acht Bildern auf der 28. Biennale in Venedig. 1976 wird Hans Staudacher der Professoren-Titel verliehen. Unter seinen zahlreichen Auszeichnungen sind u. a. der Hauptpreis der Biennale Tokio 1965, der Kulturpreis des Landes Kärnten 1989 sowie das Goldene Ehrenzeichen der Stadt Wien im Jahr 2004. Staudacher lebt seit 1950 in Wien.

Sonja Traar